München

Die Bibliothek geht auf Weltreise

19. November 2020

Es ist, als käme der sprichwörtliche Berg zum Propheten: Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Bibliotheken ortsfeste Büchertempel, die man selbst besuchen musste, um ihre Bestände einsehen und nutzen zu können. Die modernen und rasant wachsenden Möglichkeiten zur digitalen Datenspeicherung haben das grundlegend geändert. Rund um die Welt werden heute Druckwerke gescannt, als Dateien gespeichert, elektronisch archiviert und über das Internet zugänglich gemacht.

Das Ziel: nicht Konservierung, sondern Verfügbarkeit

Die Haltbarkeit ist bei diesen Bemühungen ein eher untergeordneter Aspekt: Papier kann bei sachgemäßer Lagerung problemlos Jahrhunderte, selbst Jahrtausende überdauern – was bei elektronischen Speichermedien noch niemand vorherzusagen wagt. Im Vordergrund stehen vielmehr andere Vorteile: Dank der Digitalisierung können Bibliotheken ganz neue Werkzeuge bereitstellen; zum Beispiel lassen sich Texte durch Me-tadaten so anreichern, dass sie für jeden möglichst leicht zugänglich und nutzbar sind. Inhalte können verschlagwortet werden, was die Suche ungemein erleichtert und Informationen in einem Bruchteil der einstmals nötigen Zeit zugänglich macht. Vor allem aber sind digitale Inhalte weltweit in Echtzeit verfügbar – für die Wissensgesellschaft ein Fort-schritt, der allenfalls mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar ist.

Die Bayerische Staatsbibliothek macht Kulturschätze aus 15 Jahrhunderten zugänglich

Auch die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) befindet sich hier auf einem guten Weg: Mittlerweile hat sie bereits über 2,5 Millionen ihrer Druckwerke online gestellt. Das entspricht rund 960 Millionen Bilddateien oder einem Petabyte (= eine Milliarde Megabyte) Speicherplatz. Etwa 70 Prozent des urheberrechtsfreien BSB-Bestands sind damit frei im Internet zugänglich: Kulturschätze aus 15 verschiedenen Jahrhunderten – Handschriften, alte Drucke, Karten und Bilder, Lexika, Zeitungen und Zeitschriften. Zu den digitalisierten Inkunabeln* gehört unter anderem die Gutenberg-Bibel von unschätzbarem Wert, eines von nur 49 erhaltenen Exemplaren weltweit.

Modernste Tools und Prozesse helfen bei der Arbeit

Hinter diesen Aktivitäten steht das 1997 gegründete Münchener DigitalisierungsZentrum (MDZ), das organisatorisch der Abteilung Bestandsaufbau und Erschließung der BSB zugeordnet ist. Es bildet die zentrale Innovations- und Produktionseinheit für die Entwicklung, Erprobung und Inbetriebnahme neuer Produkte und Prozesse rund um das Thema „Digitale Bibliothek”. Das MDZ entwickelt zum Beispiel auch Software und Recherchetools wie die „Bildähnlichkeitssuche” oder das Zeitungsportal „digiPress”, mit deren Hilfe Nutzer aus der ganzen Welt in den digitalen Sammlungen recherchieren können. Zudem sichert es die Inhalte für künftige Generationen durch Langzeitarchivierung.

Die Geräte und Workflows werden dabei in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Bestanderhaltung und Restaurierung ausgewählt und optimiert. Ziel ist es, Objekte einmal in höchstmöglicher Qualität zu scannen und die gewonnenen Bilder vielfältig zu nutzen – zum Beispiel für die Bereitstellung im Web, aber auch für Reprints oder für die klassische analoge Schutzverfilmung.

Von der Digitalisierung zur umfassenden Dienstleistung

Seit 2004 steht dem MDZ für seine Aufgaben die Zentrale Erfassungs- und Nachweisdatenbank (ZEND) zur Verfügung. Hier werden alle anfallenden Bearbeitungs-, Bereitstellungs- und Archivierungsprozesse weitgehend automatisch gesteuert, wie Auftragsverwaltung, Image-Konversion, Erschließung, Katalognachweis, Bereitstellung und Langzeitarchivierung der Digitalisate. Die Arbeitsschritte folgen dabei konsequent den umfangreichen Praxisregeln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Digitalisierung bedeutet für die BSB aber nicht nur das Scannen und Speichern ihrer Bestände. Im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten rund um das Thema „Digitale Bibliothek” steht inzwischen auch die Entwicklung, Erprobung und Bereitstellung digitaler Services und Produkte. Damit emanzipieren sich Literatur- und Wissensschätze immer mehr vom einstigen Büchertempel – eine gute Nachricht für alle, die durch Lesen ihren Horizont erweitern möchten.

*Inkunabeln sind gedruckte Schriften, die bis zum Jahr 1500 entstanden.

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