München

Notarzt aus Berufung

16. Novemberr 2020

Dr. med. Đôn-Felix Ryżek ist Arzt in der Unfallchirurgie der München Klinik Schwabing. Zusätzlich hat er im Monat rund 20 Einsätze als Notarzt. Nicht jeder davon ist notwendig.

Wie wird man hierzulande Notarzt?

Dr. med. Đôn-Felix Ryżek: Schritt für Schritt läuft das so: Medizin studieren und mit einem Staatsexamen abschließen, zwei Jahre lang als Arzt in einer Patienten versorgenden Abteilung arbeiten und währenddessen ein halbes Jahr lang auf einer Intensivstation oder Notaufnahme, nebenbei einen 80-stündigen Notarztkurs absolvieren und 50 begleitete Notarzteinsätze durchführen, letztlich eine mündliche Prüfung ablegen.

War Arzt oder Notarzt Ihr Berufswunsch?

Ryżek: Arzt wollte ich im Alter von 17 Jahren werden. Notarzt zunächst nicht. Eine Kollegin legte mir die Zusatzausbildung nahe. Sie meinte, das könne zu mir passen. Tatsächlich spürte ich während meiner Zeit auf der Intensivstation, dass ich wie geschaffen dafür bin. Ruhig bleiben und rasch lebenswichtige Entscheidungen treffen – das liegt mir total und ich mache es auch sehr gern.

Mit welcher Nummer ruft man den Notarzt?

Ryżek: Wer die 112 wählt, landet in der Leitstelle der Berufsfeuerwehr München. Aufgrund bestimmter Stichworte des Anrufers entscheidet der Disponent dann, ob ein Rettungswagen mit einem Team an Notfall- und Rettungssanitätern ausreicht oder zusätzlich ein Notarzt geschickt werden muss.

Nach 13 Stunden Schutzkleidung

„Ich möchte die ohnehin schon ausgezeichnete Zusammenarbeit mit der Pflege hervorheben, die während der ersten Corona-Welle nochmal gezeigt hat, wie aufopferungsvoll sie für uns und die Bevölkerung da ist. Ich wünsche mir bessere Arbeitsbedingungen für die Kollegen. “

Nicht jeder Rettungswagen ist also automatisch mit einem Notarzt besetzt?

Ryżek: Nein, da muss man gut abwägen, denn wir haben hier in München nur elf bodengebundene Notärzte. Ein Fahrzeug mit Notarzt wird im Fall von lebensgefährlichen Situationen eingesetzt oder wenn dauerhafte körperliche Schäden zu befürchten sind, bei Atemnot, Schmerzen in der Brust, Auto- und Motorradunfällen, Krampfanfällen und Schlaganfällen, um nur einige Indikationen zu nennen.

Kann es auch sein, dass Sie wieder weggeschickt werden?

Ryżek: Klar – wenn die Notfall- und Rettungssanitäter auch alleine zurechtkommen, die Erstversorgung im Griff haben und den Patienten stabil zur stationären Weiterbehandlung ins Krankenhaus begleiten können. Vor Ort kann nicht alles behandelt werden. Wir haben ja kein Labor dabei oder ein Röntgengerät.

Im OP, Auf CoVid-Intensiv, in der Nothilfe, in Notarztkleidung
Im OP, Auf CoVid-Intensiv, in der Nothilfe, in Notarztkleidung

Was war Ihr längster Einsatz? Was Ihr kürzester, was Ihr außergewöhnlichster?

Ryżek: Beim längsten hatten sich ein leerer und ein voller Schulbus ineinander verkeilt. Jedes einzelne der 25 Schulkinder zu sichten, dauerte viele Stunden. Ins Krankenhaus mussten zum Glück nur zwei. Die kürzesten Einsätze liegen im Minutenbereich – eine Blutdruckmessung etwa, die Schlimmeres ausschließt. Geradezu skurril war der Einsatz bei einer älteren Dame. Wir sind in Erwartung einer laufenden Reanimation eingetroffen, die Patientin empfing uns mit großen Augen auf der Toilette. In bester Verfassung. Eine Nachbarin hatte uns offenbar grundlos gerufen.

Đôn-Felix Ryżek wurde in Minneapolis/USA geboren und wuchs in München auf. Er studierte Medizin in Erlangen und in München. Er ist als Notarzt an den Münchner Stützpunkten Schwabing und Ottobrunn tätig. Fit halten ihn Kraft- und Ausdauersport sowie der regelmäßige Abstecher ins Haus in den Bergen mit seiner Familie. Seine Kinder nimmt er gern auch mal mit zu einer Fortbildung bei der Feuerwehr. Um sich vor COVID-19 zu schützen, trägt Dr. Ryżek Maske und vermeidet größere Menschenansammlungen.

Family Time
Family Time

Ein gutes Stichwort: „grundlos“. Kommt das öfter vor?

Ryżek: Ja, leider. Die 112 ist schnell gewählt, dabei würde manchmal auch einfach ein Pflaster genügen oder der Gang zum Hausarzt.

Was wünschen Sie sich, wenn jemand einen Notfall beobachtet?

Ryżek: Nicht gaffen, keine Fotos oder Videos machen, Einsatzkräfte nicht behindern oder gar belästigen und wenn Sie als erster oder einziger Mensch da sind: HANDELN. Bei einem Leblosen muss zum Beispiel umgehend eine Herzdruckmassage beginnen, egal durch wen. Haben Sie keine Scheu! Der Patient kann durch diese Maßnahme nur lebendiger werden, jedoch nicht toter.

Hat die Digitalisierung Ihre Arbeit verändert?

Ryżek: Ich bin mit der Digitalisierung im Rettungsdienst sozusagen „aufgewachsen” und sehe enorme Vorteile darin, etwa zu jeder Zeit Informationen über unsere Handys abrufen zu können oder weiterbehandelnde Kollegen mit Fotos zu versorgen – von Medikamentenlisten, seltenen Erkrankungen, Unfallstellen und Verletzungsmustern zum Beispiel. Und dank GPS sind wir heute schneller am richtigen Ort als früher.

Ist das Thema Telenotarzt in München relevant?

Ryżek: Eher nicht. Meines Wissens ist das primär für „entlegene” und schwer zugängliche Gegenden wie Bayerischer Wald oder Teile von den Nord- und Ostseeinseln ein Thema.

Mehr von Dr. Ryżek auf Instagram, Twitter oder Facebook unter: @dr.ryzek. Mehr von der München Klinik auf Social Media unter @muenchenklinik